Helikoptermutter.

Springen, klettern, rutschen. Auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen, alleine auf den Hochstuhl klettern, am liebsten alles selber machen. Der Kleine ist mutig und neugierig und er macht es grossartig. Manchmal glaube ich, ich bin sein grösstes Handicap.

Ich war noch nie besonders mutig. Ich fliege nicht gerne hoch und springe schon gar nicht von irgendwo runter oder muss es unheimlich schnell haben. Ich bin schon immer ängstlich gewesen. Woher das genau kommt, ich weiss es auch nicht genau. Aber ich weiss, genau das möchte ich für meine Kinder nicht haben.
Bei den grossen Kindern, habe ich es eigentlich gut hinbekommen. Versuch es alleine, schau, ich zeige dir wie es geht… klappt nicht, dann nochmal. Du schaffst das schon! Sie haben sich ausprobiert, ihre Grenzen kennengelernt und immer wieder neu gesteckt. Sie sind gefallen und aufgestanden. Ich hab gepustet, getröstet und motiviert.

Gestern waren wir auf einem Spielplatz. Ungeplant. Der war plötzlich halt auf unserem Weg. Der Kleine liiieeebt Spielplätze. Und Rutschen. Ich weniger. Er aber sofort hochgeklettert, ich steh natürlich dahinter und passe auf. Und mit dahinter, meine ich dahinter. Unmittelbar dahinter. Und daneben. Und am Ende der Rutsche. Und ich hasse mich dafür! Während wir auf dem Spielplatz sind, spüre ich die Blicke der anderen Eltern in meinem Rücken. Diese Helikoptermutter… lässt den Kleinen nicht eine einzige Sache alleine machen….
Eine Wackelbrücke. So hoch, dass ich den Kleinen nicht greifen kann. Mister Mir-ist-nix-zu-hoch-und-ich-hab-sieben-Leben natürlich sofort darüber. Wackelig ist er auch ohne Brücke schon genug. Abgrenzungen gibt es keine an der Seite, er wackelt und torkelt natürlich nicht zu der Seite auf der ich stehe und verzweifelt versuche einen Zipfel seiner Socke zu erreichen. Es ist einfach nur peinlich. Ich kann mich selber sehen und schüttele mit dem Kopf.

Das wäre mir mit den anderen Kindern nicht passiert. Da sass ich auf der Bank und kam erst ins Spiel, wenn eins der Kinder mich rief. Heute schwirre ich um den Kleine herum und packe ihn förmlich in Watte. Er hat überhaupt keine Chance meiner Fürsorge und Obhut zu entkommen. Ich bin einfach permanent auf der Hut. Wie ein Luchs liege ich auf der Lauer und warte auf die Gefahr. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um einen Abhang, eine Brennnessel, einen Besenstiel der blöd steht oder eine Wespe handelt. Entspannt ist anders.

„Räume deinen Kindern niemals alle Steine aus dem Weg, sonst laufen sie später noch gegen eine Mauer“ -Robert Kennedy

Warum ist das diesmal soviel anders? Vielleicht die Anfangszeit? Unser Start? Die Schwangerschaft? Das permanente Kämpfen um das Leben dieses Kindes? Das Beschützen in der Schwangerschaft, dass kämpfen auf der Intensivstation? Unser Start ist geprägt davon. Das ist unsere Grundlage. Wir haben gekämpft mit ihm und um ihn und das lass ich mir doch von einer Wackelbrücke nicht kaputt machen? Ist es das?
Ich weiss es nicht genau, aber ich gehe davon aus. Das ist unsere Geschichte. Damit müssen wir lernen umzugehen. Damit muss ich lernen umzugehen.

Er ist drei Jahre alt und er ist mutig und neugierig. Ich muss ihn unbedingt loslassen. Ich muss ihm die Chancen geben, sich selber kennen zu lernen. Seine Stärken und Schwächen. Er muss lernen zu fallen und aufzustehen, seine eigenen Erfahrungen machen. Und daran zu wachsen. Auf sich selber zu vertrauen, und nicht darauf, dass ich hinter ihm stehe und ihn festhalten werde. Dass ich ihm alle Steine aus dem Weg räumen werde. Und vor allem, ich darf mir nicht die Schuld geben. Die Schuld dafür, dass die Schwangerschaft so war, wie sie war. Dass der Start ins Leben so anders verlief, dass er hinfallen wird, dass er schlechte Erfahrungen machen wird. Das alles ist nicht meine Schuld, das ist das Leben. Nicht mehr und nicht weniger.
Ach Mensch, ich glaub wirklich, ich bin sein grösstes Handicap. 😉

Ein Kommentar zu „Helikoptermutter.

  1. Und du bist seine größte Stärke!!!!

    Es ist völlig verständlich, und alle anderen haben genug vor der eigenen Tür zu kehren . Braucht keiner zu urteilen. Und du brauchst definitiv nicht so hart mit dir ins Gericht zu gehen. Auch wenn das dir nicht weiterhilft, wenn ich es schreibe . Viele Grüße von Nina , die auch so eine mit-sich-zettern-Tante ist

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