Schwerbehindert.

Nach vier Monaten Wartezeit war er endlich in der Post. Der Schwerbehindertenausweis für den Kleinen. Den, den ich selber beantragt habe. Die Geister die ich rief….

Ende letzten Jahres habe ich online den Schwerbehindertenausweis für den Kleinen beantragt. Was genau mich an dem Abend dazu geführt hat, ich weiss es auch nicht mehr genau. Die Möglichkeit, dass wir von den Steuervergünstigungen gebrauch machen können? Im selben Durchgang, habe ich einen Termin bei einer Beraterin gemacht, die uns all die uns zustehenden Möglichkeiten erläutert hat.
Und ich hab fleissig beantragt.

Und nun, 5 Monate später haben wir eine Pflegestufe, erhalten Pflegegeld und sind im Besitz eines Schwerbehindertenausweis. In der ersten Nacht habe ich Migräne. Am Tag darauf, konnte ich im Stehen einschlafen und musste mich tatsächlich mehrmals am Tag hinlegen. Mir fallen die Augen zu, mein Körper ist schlapp. Ich fühle mich unglaublich kraftlos, müde ( sagte ich bereits ) und erschöpft.

Erschöpft und glücklich? Nein, glücklich bin ich nicht. Auch nicht erleichtert. Geschockt? erschrocken? Auch nicht. Ich überlege, ob ich nun genug Bestätigung habe dessen, dass er wirklich behindert ist. Weil ich es selber nicht glauben kann vielleicht?
Bis hierhin, war es alles recht einfach. Ich musste nicht ein einziges mal Widerspruch einlegen, ich musste niemanden überzeugen. Weder die Ärzte, noch den medizinischen Dienst.

Da liegt er also jetzt, der Ausweis. Schwerbehindert. Und da läuft er, der Kleine und schubst seinen grossen Bruder mit den Worten “ Lass Ruhe!“ zur Seite. Er ist so normal und dann doch wiederum nicht. Und vor allem passt er überhaupt nicht in das Bild, was ich von einem schwerbehinderten Menschen habe. Was ich, auch nach drei Jahren jetzt, echt immer noch im Kopf habe. Offensichtlich reichen drei Jahre nicht aus, um ein Weltbild mal gerade zu rücken. 😉 .

Man glaubt immer, das Leben und die Menschen, dass alles sei bunt und vielfältig. Mit Behinderung ist es noch viel, viel bunter! Denn es gibt sie nicht, DIE BEHINDERUNG. Es gibt so unfassbar viele verschiedene Facetten. Nicht jeder schwerbehinderte Mensch sitzt im Rollstuhl, hat die Hände krampfend verdreht und macht komische Geräusche. Mein Behinderter hier, der sieht aus wie ein ganz normales Kleinkind. Der läuft, der spricht, er trotzt, er weint und er spielt. Er hat Narben am Körper und bestimmt auch auf seiner Seele.

Er ist für mich so normal. Er ist in meinen Augen ein normales Kleinkind mit einigen Defiziten. Ihn zu lieben ist so normal. Das Leben mit ihm ist so normal für mich. Und dann kommt der Ausweis und sagt mir, dass ganz und gar nix normal ist.
Das er zu 100% schwerbehindert ist. Die Zahl hat mich umgehauen. Da passt gerade so gar nichts zusammen bei mir. Nicht das was ich sehe, was ich fühle zu dem was auf dem Ausweis steht.

Nichts von dem, was ich bisher immer geglaubt habe, was in den nächsten Jahren aus ihm wird, passt dazu. Ich hab den Ausweis beantragt. Ich wollte ihn haben. Mein Kopf sagt, das war absolut richtig. Es steht uns zu, es wird uns nichts geschenkt.
Und trotzdem bin ich gerade traurig, irgendwie.

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