Unangenehm.

Wenn ich morgens den Kleinen zum Kindergarten bringe, begegnet mir meistens eine Familie mit einem Kind, welches ebenfalls die integrative Einrichtung besucht.
Jeden morgen grüsse ich die Eltern und das Kind, welches sie an der Hand haltend in den Kindergarten bringen. Jeden morgen grüssen sie mich zurück – mit gesenktem Kopf und einem ganz leisen „Morgen“.

Beim ersten Mal dachte ich es liegt daran, dass ich neu bin und sie vielleicht überhaupt nicht wissen wer die blonde Frau ist, die morgens um kurz vor Neun Ihnen lächelnd ein „Guten Morgen“ entgegen bringt.
Gut, nun sind 6 Monate um. Man hat sich durchaus an der Garderobe in der Einrichtung schon gesehen, sie kennen das Kind, welches zu mir gehört, sie wissen also wer ich bin. Und dennoch ändert sich nichts. Egal ob ich sie im Kindergarten, davor oder danach sehe, es schlägt mir ein betretenes Schweigen entgegen. Oder halt ein beschämter Gruss mit gesenktem Kopf und man geht schnell weiter. Irgendwie vermitteln sie mir immer öfter das Gefühl, ihnen ist es äußerst unangenehm mit ihrem offensichtlich behinderten Kind gesehen und angesprochen zu werden.

Schämt man sich für ein behindertes Kind eigentlich? Fühlt man sich irgendwie als Versager? Weil man es nicht geschafft hat, ein gesundes Kind zur Welt zur bringen? Ist ein Kind mit Handicap zum Beispiel für Aussenstehende weniger Wert? Oder gar peinlich? Ist mir mein Sohn etwa peinlich?

pe̱i̱n·lich
Adjektiv
  1. unangenehm und beschämend für jmdn.
    „von etwas peinlich berührt sein“

In manchen Situationen ist es mir durchaus unangenehm. Wenn er so unglaublich wackelig durchs Einkaufszentrum läuft zum Beispiel, dabei vielleicht noch einen Arm ungeschickt anwinkelt und man als Aussenstehender das Gefühl hat, vor dir läuft Freddie Frinton aus Dinner for One in XXS.
Dann sind mir die Blicke der Leute auch unangenehm. Dann möchte ich ihn am liebsten die ganze Zeit an der Hand halten, damit er „normal“ läuft. Will er natürlich nicht. Er läuft natürlich lieber alleine und je schneller, desto besser. Und je wilder die Rennerei und Wackelei umso lustiger für ihn.

Warum mir das so unangenehm ist, dass weiss ich ehrlich gesagt gar nicht. Denn im Grunde bin ich unheimlich stolz auf die kleine, wilde Rakete. Er hat am wenigsten Probleme, ihm ist es überhaupt nicht unangenehm, und das sollte es mir auch nicht sein. Er lacht und amüsiert sich über die Leute, die ihm schnell ausweichen und zur Seite springen. Und auch die ebenfalls lachen. ( In den meisten Fällen).

Aber wenn dein Kind irgendwie anders ist, dann hat man anscheinend immer so ein kleines bisschen das Gefühl sich dafür Entschuldigen zu müssen. Dafür dass der Rollstuhl zu breit, das Kind zu laut, die Gesten zu wild sind. Das normale Dinge unnormal lange dauern und andere (Kinder) vielleicht warten müssen, bis der Kleine es auch endlich geschafft hat die Leiter der Rutsche hochzuklettern. Dafür, dass dein Kind morgens an der Hand auf dem Weg in die Kita ungelenke Bewegungen und komische Geräusche macht.

Ich möchte dieses Gefühl nicht mehr zulassen. Ende aus. Kopf hoch, Schultern nach hinten und lächeln. Ich möchte nicht, dass mein Kind dieses Gefühl irgendwann übernimmt. Und meint sich Entschuldigen zu müssen, zu Rechtfertigen dafür, dass er (noch) nicht alles kann, dass er mehr und länger lernen muss für das ein oder andere.
Er soll erhobenen Hauptes und stolz durchs Leben gehen, denn geschenkt bekommen hat er es wahrlich nicht.

Er ist ein Kind. Genauso wie die anderen Kinder auch einfach Kinder sind. Und alle sind unterschiedlich. Jedes Kind ist anders. Meins zum Beispiel ist was kleiner und dünner und muss noch einiges aufholen.    •

 

Ein Kommentar zu „Unangenehm.

  1. In meiner Nachbarschaft lebt eine Frau, deren Sohn Down Syndrom hat. Er ist 28 Jahre alt, lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft und arbeitet auf einem Therapiehof. Er wuchs von klein auf mit anderen gesunden Kindern auf und lernte Rollschuhlaufen, Radfahren und all die Spiele, die die anderen auch spielten. Spezielle Therapien erhielt er meines Wissens nicht, seine Mutter wollte, dass er aufwuchs wie andere Kinder auch. Er musste auch die Grenzen anderer akzeptieren wie die anderen Kinder auch. Sonderprivilegien bekam er nur, wenn es sein geistig und körperliches Vermögen notwendig machte.
    Nun, was soll ich sagen, er ist ein aufrechter, sensibler, selbstbewusster junger Mann, der voll im Leben steht. Er bereichert mein Leben und das Leben vieler anderer Mitmenschen. Seine Mutter hat Wunderbares geleistet! Der Vater hat sich sehr bald nach dem der Bub 5 Jahre alt war verabschiedet.

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