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Hau rein.

Von der Magensonde bis zum ersten Butterbrot und wie es so ist, wenn es einfach nicht isst.

Von der Magensonde bis zum ersten Butterbrot und wie es so ist, wenn es einfach nicht isst.
(Direkt schon mal vorab: Das hier ist keine Anleitung und ich hab keinerlei Tricks oder Tipps und wir sind auch noch nicht beim Butterbrot angekommen.)

Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir die Klinik verlassen und an Klitzeklein hing so einiges an Kabeln und Schläuchen. Unter anderem trug er noch eine Magensonde, da er bis zur Entlassung nicht in der Lage war ausreichend Milch aus der Flasche zu trinken.

Als das erste Mal die Rede davon war, war mein Gedanke nur „Auf keinen Fall. Ganz sicher nicht. Wir gehen nicht mit Sonde nach hause. Wenn die spät abends nicht mehr richtig liegt, was dann? Warten bis morgens der Pflegedienst kommt?
In meiner blühenden Fantasie sah ich das Kind über Nacht verhungern, die ganzen Medikamente würde ich doch ohne Sonde niemals in den kleinen Körper bekommen und ohne diese Medikamente wird er sterben. In der Klinik fand man dafür eine Lösung: Zwei Tage später hatte ich gelernt, wie man die Sonde selber legt und prüft ob sie richtig im Magen liegt und wie man per Hand die Milch sondiert. Nun gut.

Die ersten drei Wochen zuhause mussten wir ein Trinkprotokoll führen. Wann und wieviel hat er selbstständig getrunken. Welche Menge musste sondiert werden. Einen 3stündigen Rhythmus sollten wir die ganzen 24 Stunden einhalten. Das heisst, man sondiert auch Nachts. Zeitaufwand waren ca 30 Minuten reines sondieren. Davor aber noch Spritzen aufziehen… Milch erwärmen…ersten Schwung aus der Flasche und dann den erst sondieren. Ich habe alles an Flaschen und Saugern gekauft, was der Markt hergab. Die Milchmenge, die er selbständig getrunken hat, wurde einfach nicht mehr. Nach drei Wochen lag morgens die Sonde nicht mehr in der Nase, sondern im Bett. Es war Samstag.

Den Pflegedienst hatte ich nach Woche eins schon für das Wochenende gestrichen. Ich wollte zwei Tage nur „eine normale Familie sein“. Dann war die Sonde raus. Der Klitzeklein schlief. Ich liess ihn schlafen. Dann gab es die Flasche. 10ml hat er geschafft. Statt 40ml. Ich beschloss zusammen mit dem Daddy es bis Montag morgen ohne Sonde zu versuchen. Ihn zu füttern wenn er sich meldet und soviel wie er schafft. Die Medikamente haben wir vorab aufgelöst und mit Spritzen und Saugern irgendwie in das Kind bekommen.
Es hat geklappt. Er hat zwar nicht die kompletten Flaschen getrunken, mal mehr mal weniger und an manchen Tagen auch gerade mal 150ml insgesamt. Aber er trank und nahm zu. Die Sonde blieb draussen.

Die Tage an denen er kaum etwas getrunken hat, bedeuteten Stress. Schon mittags wusste ich, wir schaffen heute nicht mal annähernd genügend Nahrung in ihn zu bekommen. Jede Flasche wird dann zum Kampf, die Zeit die du hast genug zu füttern, die rennt dir davon. Ich hab gehofft, mit dem Brei wird alles besser.

Wurde es nicht. Das Schema ist immer noch gleich. Es gibt supertolle Tage, und es gibt Tage da geht wieder kaum etwas. Was immer geht, ist Grießbrei aus dem Becher. Nicht aus dem Glas. Und damit hat er mich in der Hand. Wenn er nicht essen mag, dann packe ich den Grießbrei aus, und obwohl es mir widerstrebt, darf er ihn essen. Und isst ihn. Ohne Probleme. Mit dem weissen Becher auf dem Tisch geht alles. Gemüse jubele ich ihm so unter, alle Medikamente…Er braucht jede Kalorie und von daher: Du willst ihn, du kriegst ihn.

Ich besitze alle Bücher, kenne jeden Brei und weiß, welches Quetschie die meisten Kalorien hat. Ohne den Extralöffel Öl geht hier nichts über den Tresen. Es gibt Brotstücke, Pfannkuchen, Nudeln und Fingefood in allen Variationen. Nach Wochen wandert jetzt mittlerweile auch mal das ein oder andere in den Mund. Um wieder ausgespuckt zu werden. Oder es wird gewürgt bis man dann aber wirklich alles wieder draussen hat. Ab und an und wenn man ihn ablenkt, dann kann er auch mal ein Stück Brot im Mund herumwandern lassen und runterschlucken. Oder einen Hirsekringel (leider sehr kalorienarm 😉 ) essen.
Schokolade, Eis & Co sind ebenso „Bäh“, wie jede Art von herzhaftem Essen. Pizza kann man allerdings dran rumlutschen, Tomaten auch. Eine gequetschte Banane kann den Erstickungstot bedeuteten, ausser man ist zufällig dabei dem Hund hinterher zuschauen und vergisst dabei, dass man da gerade eine Banane isst.

Schlimmer noch als die geringe Auswahl der Nahrungsmittel ist, dass es sich hier nur noch ums Essen von Klitzeklein dreht. Wieviel Kalorien hat er heute schon? Wenn er jetzt nicht schläft, dann schaffen wir nicht mehr zwei Mahlzeiten heute. Ich hab mich heute Mittag dabei ertappt, wie ich mit drei bunten Bechern, zwei Löffeln und einer Papiertüte bewaffnet, singend ihn gefüttert habe. „Aramsamsam, Aramsammsam“ – Hauptsache er ist abgelenkt und ich schaffe es ihn während meines Animationsprogramms zu füttern. DAS ist definitiv der falsche Weg!

Nur welcher ist der Richtige? Weiterhin darauf hoffen, dass er mit fünf Jahren auch unbedingt zu Mc Donalds will und die keine Nuggets durch den Mixer drehen für Ihn? Oder doch mal wieder die Notbremse ziehen und dann halt auch mal eine Mahlzeit ausfallen lassen, wenn er nicht mag? Du machst Theater, ich räume ab und der Grießbrei bleibt zu. (Mit Theater meine ich übrigens das runterwerfen, Mund zukneifen, prusten…was man halt alles so machen kann in einem Hochstuhl, ausser zu essen).
Ich bin noch hin und hergerissen zwischen “ er muss essen und zunehmen“ und „so mein Freund, das war lustig, aber jetzt ist Schluss damit“.

Aber heute ist wieder Samstag und vielleicht eine gute Gelegenheit zu sagen: Drei Tage probieren wir mal ohne uns Druck zu machen, ohne zu rechnen, ohne zu wiegen und vor allem auch ohne Tanz und Gesang die Mahlzeiten einzunehmen. Hm…

 

6 Kommentare zu “Hau rein.

  1. Wir hatten mit unserem Grossen (mittlerweile 4) auch bis zu seinem 3.Lebensjahr auch extrem Probleme mit dem Essen. Er hat leider sehr, sehr viele Lebensmittelallergien und muss somit strikt Diät halten, doch viel schlimmer war bis vor einem Jahr, dass er nur Nahrung in pürierter Form zu sich genommen hat! Jedes noch so kleine Krümelchen hat ihn zum Würgen gebracht, sobald es auf seiner Zunge lag. Für mich eine enorme, mit Schuldgefühlen behaftete Zeit! Nix hat geholfen, weder Druck noch Spiel noch ignorieren, auch der erhoffte Gruppendynamikeffekt im Kindergarten war zwecklos. Alles drehte sich bei zns nur um sein Essen. Bis es dann irgendwann „klack“ gemacht hat bei ihm und er langsam angefangen hat, „richtig“ zu essen… Ich will Dir damit Mut machen und denke, dass natürlich viel an seiner einstigen „besonderen“ Form der Nahrungsaufnahme zu ergründen ist. Sein Weg ist eben nicht der der anderen Kinder, er braucht wohl mehr Zeit. Und wer weiss, vielleicht fragt er ja tatsächlich in ein paar Jahren bei McDonalds nach Chicken Nuggets?! Viele Grüsse und Kopf hoch! Claudia

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    • Vielen Dank für deinen netten und ermutigenden Kommentar! Ich denke wir warten jetzt einfach mal ab und verschwenden nicht unsere ganze gemeinsame Zeit mit der Suche nach dem Grund. Solange er nicht abnimmt…

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      • Ich meine, solange er trotzdem wächst und es ihm sonst gut geht solltet ihr Versuchen – auch wenn es sicherlich schwer fällt- so entspannt wie möglich mit der Situation umzugehen und nicht Euren Alltag auf SEIN Essen zu fixieren. Das ist zumindest meine Erfahrung. Viele Grüsse! Claudia

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  2. Wie ich mich gerade wiedererkennen kann. Meine Große kam 2001 in der 25 +6 SSW zur Welt. Wir hatten Zuhause keine Sonde, haben aber Stunden für 40 ml gebraucht. Beim Brei haben wir dann auch gesungen, Bücher vorgelesen und alles für die Ablenkung getan. Gegessen hat sie trotz allem selten gut. Irgendwann saß ich heulend beim Kinderarzt und konnte nicht mehr. Er meinte, ab jetzt gibt es keine Bücher und kein Singen mehr. Nach 30 Minuten wird der Tisch abgeräumt und es gibt erst zur nächsten Mahlzeit wieder etwas zu essen. Ich habe ihm voll vertraut. Er hatte sie bereits im Krankenhaus als leitender Oberarzt betreut. Nach 3 harten Tagen hat es funktioniert. Heute ist sie ein Teenager und mag außer Salat alles gerne. Ich wünsche Dir viel Kraft und Geduld.
    Alles Liebe
    Michaela

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  3. Liebe Jutta, ich bin soeben zufällig auf Deinen Blog gestoßen ! Ich habe mich sofort fast in allen Punkten wieder erkannt ! Meine Tochter war zwar kein Frühchen,… sie kam aber mit einem schweren Herzfehler auf die Welt …dieser wurde vor ein paar Wochen korrigiert aber deswegen ist aber immer noch nicht „Alles gut“ . Ich kenne sämtliche Schläuche / Monitore und wochenlange Khh Aufenthalte …wir sind seit gut 4 Wochen ohne Magensonde zu Hause und es ist immer noch ein Kampf und der wird es wahrscheinlich noch für länger bleiben …. ganz liebe Grüße

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    • Hallo Dijana! Herzlichen Dank für deinen so netten Kommentar! Euch allen von Herzen alles alles Gute! Schön dass der Fehler behoben werden konnte und ihr jetzt Zuhause seit. Und es wird alles Gut! ( eventuell muss man seine eigene Definition von „gut“ nochmal überdenken 😉 aber: es wird wirklich gut!) ihr habt wahrscheinlich auch viel mehr erlebt und Dinge kennen gelernt, da hätte man durchaus drauf verzichten können.
      Donnerstag wird der Klitzkleine zwei Jahre alt. Die Jahre waren wirklich anders als erwartet, aber ich würde es wirklich immer wieder machen!
      Haltet die Ohren steif und bloß nicht die Freude / das Glück und den Spaß vergessen! 😘😘

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