Frühchenmütter berichten.

Vor einiger Zeit habe ich für mibaby aufgeschrieben, wie es so für uns war.
Die Zeit nach der Geburt und überhaupt. So als Frühchenmutter in der Klinik.

Den, natürlich etwas gekürzten, Artikel und Fotos (!!!) könnt ihr unter folgendem Link finden.
Die ungekürzte Version ist hier: 

Meine dritte Schwangerschaft lief von Anfang an nicht gut. Mein Baby war immer zu klein für die Schwangerschaftswoche. Die Anzahl der Untersuchungen und behandelnden Ärzte stieg wöchentlich genauso an, wie die ganzen Hiobsbotschaften die sie für mich hatten. Unglaublich viele Stunden Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchungen und die Aussage:
„ Kinder, die in dieser frühen Schwangerschaftswoche schon so retardiert sind, haben keine Chance. Die sind kaum lebensfähig.“ Dazu das Bild eines munter zappelnden Babys in meinem Bauch auf Grossleinwand.
SSw 23+1, 8 Uhr morgens. Die Versorgung meines Babys ist schlecht. Alle Werte sind schlecht, das Baby muss heute noch geholt werden. Schätzungsweise 320g wird er rauf die Waage bringen, die Lungenreife hat er noch bekommen. Die Kinderärztin kommt, wir sehen uns an und ich habe das erste mal keine Angst mehr. „ Nicht die Grammzahl ist wichtig, dir Reife ihres Kindes ist viel wichtiger. Niemand kann sagen was kommt und was passiert.“ Die erste Ärztin in der ganzen Zeit, die mein Baby nicht schon abgeschrieben hat bevor es überhaupt auf der Welt ist, die nicht auf Grund von Ultraschallbildern und Messungen die ein Computerprogramm macht, entscheidet ob man leben kann oder nicht.
Im OP ist meine einzige Sorge, dass die Kinderärzte da sind, dass alles bereit ist für ihn… Mein Mann ist bei mir, wir haben uns in die Augen geschaut und gefreut als unser Baby auf die Welt kam. Wir hatten keine Angst. Er hat Bilder gemacht und stolz erzählt dass er schreit wie ein kleines Kätzchen. Und dass er so süss aussieht. 240g wog er, doch leichter als gedacht. Wir suchen einen Namen der passt und auf meiner Brust liegend, unter viel Folie, fahren wir zusammen ins Perinatalzentrum rauf. Ich bringe mein Baby selber dahin, weiss wo er liegt, wer jetzt für ihn da ist und wir freuen uns immer noch so sehr unseren Sohn kennen lernen zu dürfen, ihn zu sehen und anzufassen. Schon jetzt weitaus mehr als man uns prophezeit hat.
154 Tage verbringe ich mit meinem Baby in der Klinik bis wir zusammen nach hause gehen. Und ich wäre auch 300 Tage geblieben wenn es hätte sein müssen. Für mich war jeder Tag den wir geschafft haben, ein Tag mehr der uns nach hause brachte. Ich habe keine Ahnung woher ich die Kraft und die Zuversicht genommen habe. Ich kann es auch nicht beschreiben, aber für mich waren die Tage in der Klinik nicht die schlimmste Zeit. Für mich war die schlimmste Zeit, die Zeit vorher. Die Ungewissheit, ob er überhaupt leben wird, ob dieses zappelnde Kind von den Ultraschallbildern wirklich keine Chance hat und entweder in meinem Bauch oder bei der Geburt sterben wird. Jeder Tag neben dem Inkubator war für mich ein gewonnener Tag mit ihm.
Natürlich habe ich auch viel geweint in der Zeit, auch mal die Hoffnung verloren und unglaubliche Angst gehabt. Es hat mich auch mürbe gemacht, die Dunkelheit, die auf der Station herrscht und die ganzen Geräte und Geräusche. Ich bin nachts aufgewacht und hatte Angst dass er es nicht schafft, dass er mich gerade in dieser Minute braucht und ich nicht da sein kann. Aber in der Klinik, sobald ich auf der Station war, war ich für ihn da. Ich habe nie geweint bei ihm, ich war bei allen Untersuchungen dabei und hab das Händchen gehalten und den Kopf. Ich wollte ihm das Gefühl geben, dass einfach alles gut ist so wie es jetzt ist und Mami ist da.
Wir haben von Tag zu Tag gelebt, sind in die Routinen und Abläufe auf der Station reingewachsen und waren Teil davon. Dass das möglich war, dass ist gewiss nicht in allen Krankenhäusern so, aber wir durften ab dem zweiten Tag jeden Tag känguruhen, die Versorgung der Babys übernehmen soweit es nur geht die Eltern. Selbst die älteren Geschwister durften den kleinen schon mit knapp 350g wickeln und später auch känguruhen. Bei all den Geräten und Maschinen, es sind dort kleine Menschen denen man ins Leben hilft und Eltern denen man zur Seite steht. Dort zu sein, dass war ein grosses Glück für uns.
Das alles ist jetzt ein Jahr her und mir „fehlt“ ein Stück von diesem Jahr. Die Monate in der Klinik waren wie auf einem anderen Stern. Der Winter, Karneval, Ostern, all dass fand woanders statt und ohne mich. Ich hab ein Baby bekommen. Und mit nach hause genommen. Mit Sauerstoff und Magensonde, aber auch das haben wir hinter uns gelassen und wenn wir heute spazieren gehen, dann sieht man keine Unterschied zu anderen Eltern mit Kinderwagen. Nur das wir vielleicht ein bisschen mehr strahlen 😉

6 Kommentare zu „Frühchenmütter berichten.

  1. Halli Jutta,

    Ich habe eben deinen blog entdeckt und bin froh, das jemand einmal öffentlich im internet schreibt, wie das leben und die ängste mit frühchen wirklich sind. Auch ich habe im februar ein frühchen zur welt gebracht, welches extrem wachstumsretardiert war. 31+1 und nur 670g, ab der 19. Wochw hat man mir immer wieder gesagt das baby würde nicht überleben. Die menschen um uns herum konnten in keinster weise nachvollziehen, wie es uns wirklich geht… „ihr schafft das, alles halb so wild…“ solche sätze haben wir am laufenden band gehört. All denen werde ich deinen blog ans herz legen, damit sie einmal lesen können, was wirklich in einem vorgwht während man nur müde lächelnd nickt…

    Liebe Grüße und alles gute weiterhin!

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    1. Hallo, 670g bei 31+1 entspricht ja ungefähr unserer Hausnummer, ich glaube unser Klitzeklein wog in der 32. Woche auch so um den Dreh! Gestartet sind wir in der 24. Woche und mit 240g… Aber nicht das Gewicht ist wichtig, die Reife ist viel wichtiger und mit 31 Wochen habt ihr wirklich viel geschafft.
      Warte mal ab, der wiegt nächstes Jahr dann unglaubliche 6700g und ihr steht ein bisschen fassungslos vor den Bildern aus der ersten Zeit. So gehts uns gerade… Bis dahin wünsch eich euch auf jeden Fall alles alles Gute und viele Grüsse!

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      1. Ja, wir haben seit der 19. Woche wirklich um jeden Tag, am Ende um jede Stunde gekämpft und sind unendlich froh, dass wir es so weit geschafft haben, auch wenn unser Wurm so „klein und leicht“ (im Vergleich zu euch ist das ja ein Witz..) war.

        Darf ich fragen, wie groß Klitzeklein bei der Geburt war?

        Ich ziehe wirklich den Hut vor Euch, da habt ihr echt eine harte Zeit hinter euch. Bei unserem ersten Gespräch über eventuell baldige Entbindung war unser Wurm 280g… Viel Hoffnung gab man uns nicht.

        Danke, dass du hier beweist, dass heutzutage ALLES möglich ist!

        Es tut wirklich wirklich gut, dass du in deinem Blog aussprichst, worüber sich viele Frühcheneltern nicht zu sprechen wagen weil niemand es verstehen würde.

        Liebe Grüße
        Kati

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  2. Ich bin wirklich überrascht, gerührt, bewegt und erstaunt was die Zeit mit sich bringt. 18,5 cm …. Mein Sohn war mit 780 g ein damaliges Extremfrühchen (ist halt 20 Jahre her) mich bewegt das noch heute alles und ich freue mich, das die Betreung der Kleinen und der Eltern anscheinend so viel besser geworden ist. Mich hat man damals gefragt ob man meinen kleinen überhaupt versorgen oder liegen lassen soll …. Der Kämpfer hat es allen gezeigt und einfach allein geatmet 🙂 Der erste Schnulli war ein Q-Tip – oh man da kommen Erinnerungen hoch….

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