Routinen.

Nach 100 Tagen verlassen wir die Intensivstation und ziehen um auf die Frühchenstation. 

Ich freue mich. Unglaublich das wir jetzt 100 Tage schon hier sind. Wo ist die Zeit nur geblieben? Ich erschrecke mich wirklich selber bei der Zahl und bin auch ein bisschen stolz.

Stolz dass ich das geschafft habe ohne den Mut und die Kraft zu verlieren. Stolz, weil eine andere Mutter mir gesagt hat, dass ich immer soviel Positives ausstrahle und lächle und ihr damit Mut mache.

Wenn ich jetzt die letzten 100 Tage zurückblicke, dann sind es Tage mit fast immer dem gleichen Tagesablauf. Ich habe mir unbewusst ein Gerüst gebaut,  in dem ich mich durch den Tag bewege. Das fängt damit an, dass ich mit dem Auto losfahre. Höre immer die selben beiden Lieder, geniesse das Alleinsein und vergieße da auch die ein oder andere Träne. Vor Traurigkeit oder auch vor Glück. In der Klinik benutze ich immer den rechten Fahrstuhl nach oben, atme einmal tief durch und klingel auf Station. Der Satz ist immer gleich “ … Besuch für Klitzeklein, guten Morgen“

Auch der restliche Ablauf meines Tages in der Klinik ist immer gleich: Cappuccino und  Marzipancrossiant am späten Vormittag. Beides esse ich immer draussen auf der Terrasse. Mittagessen dann hinten am letzten Fensterplatz. Ich besuche die Toiletten im Erdgeschoss, aber nie das Kiosk. Montags ist grosse Chefvisite, Dienstags kommt meine Tochter Klitzeklein besuchen, alle zwei Wochen Mittwochs ist Elternschule mit Törtchen und Donnerstags Ultraschall bei der Frau mit der schwarzen Hose. Die Routinen führen mich brav durch die Tage und Wochen und ich kann auftanken für die Tage, an denen Klitzeklein mal nicht gut dran ist, alles anders ist.

Gestern, da flammte aber dann doch ganz kurz etwas in mir auf. Ich hab nicht im Parkhaus geparkt, sondern auf der Strasse und wollte statt durch die Drehtüre einfach links durch die Türe reingehen. Ein erster, ganz ein kleiner Versuch aus der Routine auszubrechen.

Die Türe ging nicht auf. Ich wollte gerade schon wieder umdrehen als die eben erwähnte Mutter dann neben mir stand und mir gezeigt wie die Türe aufgeht, wo man drücken muss. Ich erzähle, dass ich heute einfach mal einen anderen Eingang nehmen wollte, sie erzählt mir dass sie gestern mal auf eine andere Etage gefahren ist um dort zur Toilette zu gehen. Wir müssen beide lachen und reden über die Routinen die wir hier gebastelt haben und auch darüber, das so kleine Dinge, so kleine Ausbrüche dann plötzlich Mut verlangen.

Vielleicht weil man doch immer das Schlimmste erwartet. Weil man so auf der Hut ist, dem Braten nicht so ganz traut. Geht es dem Baby schlecht, macht es Rückschritte, so schmeisst einen dann doch zurück in diese unglaublich grosse Angst und Traurigkeit. Also bewegt man sich ganz brav in seinem Routinen-Gerüst durch den Tag und versucht bloss nicht aufzufallen oder das Glück herauszufordern.

100 Tage. Jetzt Frühchenstation. Wir werden zusammen nach hause gehen. Das Klitzeklein und ich. Mein Kopf weiss das. Mein Herz, mein Instinkt und mein Gefühl sind allerdings in den letzten Wochen und Monaten sehr oft bitter enttäuscht worden und trauen sich noch nicht daran zu glauben. Zu mehr als den anderen Eingang zu benutzen, hab ich offensichtlich noch nicht den Mut.

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