der Anfang

Kein Sekt, keine Blumen, kein Kind.

Uniklinik, Wöchnerinnen Station. Zimmer 204. Ein Einzelzimmer. Natürlich. Ich bin mir nicht sicher ob ich mich darüber freuen kann. Schon cool und deutlich besser als das 4-Bett Zimmer der letzten Tage davor ist es.
Oder ob ich traurig sein soll, rechnet man doch offensichtlich damit dass Klitzeklein nicht überleben wird. Es ist das Zimmer für die Eltern, die ihre Kinder still bekommen.
Das behalte ich für mich. Und zwar so sehr für mich, dass ich selber da nicht mal dran denke.

Auf dem Flur im Müll liegt ne Sektflasche. Viel mehr ist da nicht. Mein Zimmer liegt bisschen Abseits. Einmal ums Eck rum, an den Büros vorbei und beim Lager links, da sieht es anders aus. Überall strahlende, handytelefonierende Väter. Mütter schieben kleine Babys ins Babyzimmer zum wickeln und wiegen. Dort auf dem Flur gibts auch Wasser und Tee. Und Blumenvasen. Ich muss also so oder so dahin, will ich Tee, Obst oder Wasser haben.
Ich bring meine mühsam abgepumpten Milchtropfen in den Kühlschrank ins Babyzimmer. Davor hängt ein Zettel auf dem alle Namen der Babys stehen, man kann ankreuzen ob man möchte, dass der Fotograf kommt. Klitzekleine Name steht nicht drauf.

Da habe ich das erste Mal gemerkt, das alles anders ist. Wir gehören nicht dazu das Klitzeklein und ich. Ich bin abgebogen zum Fahrstuhl und hab meine Milchtropfen alleine runter gebracht. Spät abends, Tag 2 nach Kaiserschnitt. Das der Abend noch zu etwas ganz besonderem wurde, liegt an dem Arzt im Spätdienst und Klitzkleins betreuender Schwester. Wir dürfen Känguruhen. Klitzeklein und ich das erste Mal wieder zusammen. Zusammen ist man weniger allein ,-)

3 Tage später stehe ich mit Tasche und ohne Bauch vor dem Schwesternzimmer. Verrückt, vor einer Woche bin ich noch schwanger hier angekommen. Ich strahle und freu mich auf zuhause, freue mich das sie endlich losgeht. Die lange Zeit die es noch dauert bis Klitzeklein nach hause darf, wird ab jetzt immer weniger. Und es ist doch auch immer schön wenn man als frisch gebackene Mutti entlassen wird aus dem Krankenhaus. Man bekommt Pröbchen und Geschenke und alles davon riecht nach Baby, alle freuen sich und es liegt so was besonderes in der Luft und die Hose rutscht, der Vater strahlt…

“ Hier ist das Rezept für die Milchpumpe und die Frühchenbescheinigung. Und der Mutterpass. Den Arztbericht schicken wir ihnen noch zu.“
„Danke“
– das wars.

Ich erinnere mich erst wieder daran, wie ich meine Tasche ins Auto stelle. Ich bin total geschockt, irgendwie. Wie ich runter gekommen bin, ich weiss es nicht. Ich hab mich gefühlt wie keine richtige Mutter. Es hat mich so verletzt, nicht so behandelt zu werden wie all die anderen frischgebackenen Mütter auf der Station. Nur weil mein Baby zu klein, zu früh und nicht bei mir sein kann, gilt das nicht?
Verflucht nochmal… ich hab auch ein Baby bekommen!

Und ja, ich hätte mich gefreut wenn der Fotograf auch die Frühchen ablichten würde, und ja, ich hätte die Pröbchen von Badeschaum & Co auch gebrauchen können…( Babylos pumpen ist nämlich auch anders). Und als Frühchenmutter haben Sekt und Blumen und all diese Klischees viel viel mehr Bedeutung und sind doch so wichtig. Sind sie doch für lange Zeit mit das einzig „Normale“ am Baby-bekommen…

PS. Wir haben angestossen. Der Daddy und ich. Nicht sofort. Aber später. Eben weil es so wichtig ist.

3 comments on “Kein Sekt, keine Blumen, kein Kind.

  1. ;-( Mir kullern gerade die Tränen übers Gesicht.
    Keine Blumen, keine Geschenke, keine Glückwünsche. Alles das gabs es, wenn überhaupt, erst zur Entlassung. Ist ein Frühchen kein Baby? Ist man als Frühchen-Mama keine richtige Mama? Spricht man heute mit seinen Angehörigen darüber, heißt es: „Wir wussten ja alle nicht, wie es ausgeht!“. Nein, das wusste keiner. Aber es tröstet natürlich auch nicht. Man steht allein da mit diesem kleinen hilflosen Menschenkind, mit seinem Schmerz, seinen Gefühlen, seinen Ängsten… Die Erinnerungen daran schmerzen noch heute, 3 Jahre später. Man hat sich dieses Schicksal nicht ausgesucht und das Umfeld macht einem die Situation nicht leichter. Auch ein Frühchen möchte auf der Welt begrüßt werden! Das scheinen leider auch die Kliniken nur in den seltensten Fällen zu verstehen.
    Danke für deinen Blog! Er weckt Erinnerungen: negative, aber auch wunderschöne.

    Gefällt 1 Person

  2. Glückwünsche gab es von jedem Arzt und jeder zuständigen Schwester, beim ersten Mal. Doch das war es auch… keine Pröbchen, keine Blumen und auch sonst kein Geschenk zur Geburt (abgesehen von der Patin). Erst als die kritische Zeit vorbei war.
    Traurig habe ich die ganzen Eltern mit Babyschalen und Geschenktüte der Klinik am Tag der Entlassung betrachtet. Mit dem Gefühl, diesen Tag niemals zu erreichen und der Frage, weshalb ich denn keine Tüte bekomme… wo ich doch auch frischgebackene Mama bin.

    Pumpen im Kinderzimmer? „Wo ist denn ihr Kind? Ist im Stillzimmer ALLES voll? Na ausnahmsweise, aber gleich kommen unsere Mamas zum pumpen“ & man steht da und gehört nicht dazu.

    Gefällt mir

  3. Genau so war es bei mir auch… Bei beiden Frühstartern. Und genau so habe auch ich das empfunden damals… Vor 8 und vor 4 Jahren. In zwei unterschiedlichen Kliniken. Keine Fotos, keine Pröbchen… Nur das Rezept für die olle Pumpe. Dabei bestand bei den beiden nicht die Gefahr, sie könnten es nicht schaffen…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s